Flexibilität

Spagat lernen als Erwachsene – wie arbeite ich an meiner Flexibilität?

Von Angie Badlo – Trainingstherapeutin & Pole-Dance-Trainerin

Spagat vor dem Panorama des Grand Canyon

„Kann ich als Erwachsene überhaupt noch einen Spagat lernen?“

Die kurze Antwort: Ja, grundsätzlich kann sich deine Beweglichkeit auch im Erwachsenenalter noch deutlich verändern.

Die längere Antwort ist allerdings weniger spektakulär: Es gibt kein Wundermittel, keine magische Stretching-Routine und keine einzelne Übung, die dich innerhalb weniger Wochen garantiert in den Spagat bringt.

Flexibilität ist trainierbar – aber wie schnell du Fortschritte machst und welche Art von Training für dich sinnvoll ist, ist individuell.

Statt nach dem perfekten Stretch zu suchen, sollten wir uns deshalb zuerst anschauen, was dein Körper eigentlich braucht, um beweglicher zu werden.

Flexibilität ist individuell

Zwei Personen können mit demselben Ziel starten und trotzdem vollkommen unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen.

Deshalb sollte auch Flexibilitätstraining nicht nach dem Prinzip funktionieren: „Mach diese fünf Übungen jeden Tag und in vier Wochen kannst du einen Spagat.“

Entscheidend ist zunächst deine Ausgangssituation.

  • Wie sieht dein Alltag aus?
  • Sitzt du acht Stunden am Tag am Schreibtisch oder bist du ständig in Bewegung?
  • Wie häufig trainierst du?
  • Machst du Krafttraining, Pole Dance oder eine andere Sportart?
  • Hast du generell eine hohe Muskelspannung und Schwierigkeiten damit, in bestimmten Positionen loszulassen?
  • Oder fehlt dir genau das Gegenteil – die aktive Körperspannung und Kraft, um eine größere Range of Motion kontrollieren zu können?

All diese Faktoren können beeinflussen, wie dein Flexibilitätstraining aussehen sollte.

Beweglich sein bedeutet nicht nur, möglichst weit in eine Position zu kommen

Beim Thema Spagat denken viele zunächst an passives Stretching: Bein nach vorne, Bein nach hinten und irgendwie versuchen, immer näher Richtung Boden zu kommen.

Doch Flexibilität ist mehr als das.

Gerade für Pole Dance wollen wir Beweglichkeit nicht nur passiv erreichen, sondern sie aktiv nutzen und kontrollieren können.

Es macht einen Unterschied, ob du dein Bein mit deinen Händen in eine bestimmte Position ziehen kannst oder ob du es aus eigener Kraft dorthin bewegen und dort halten kannst.

Deshalb gehört für mich zu einem guten Flexibilitätstraining nicht nur das Verlängern und Entspannen von Strukturen, sondern auch Kraft innerhalb deiner verfügbaren Bewegungsamplitude.

Du möchtest lernen, dich in einer Range wohlzufühlen, sie kontrollieren zu können und gleichzeitig zu erkennen, wann du Spannung benötigst – und wann du bewusst loslassen kannst.

Drei wichtige Grundlagen für mehr Flexibilität

Wenn du langfristig beweglicher werden möchtest, sind für mich drei Dinge besonders wichtig:

1. Körperwahrnehmung

Du solltest lernen, deinen eigenen Körper wahrzunehmen.

  • Wo spürst du die Dehnung?
  • Welche Position kannst du kontrollieren?
  • Wo weichst du aus?
  • Wann spannst du unnötig an?
  • Und kannst du einen Muskel bewusst anspannen und anschließend wieder entspannen?

Gerade beim Spagat können kleine Veränderungen der Beckenposition einen großen Unterschied machen.

Wenn du einfach nur versuchst, möglichst tief zu kommen, findest du häufig automatisch einen Weg, der sich für deinen Körper am einfachsten anfühlt – aber nicht unbedingt den Bereich trainiert, den du eigentlich erreichen möchtest.

Qualität und Kontrolle sind wichtiger als möglichst schnell den Boden zu berühren.

2. Kraft

Kraft und Flexibilität sind keine Gegensätze.

Im Gegenteil: Kraft kann dir dabei helfen, deine neu gewonnene Beweglichkeit kontrolliert zu nutzen.

Deshalb sollten aktive Flexibilitätsübungen ein fester Bestandteil deines Trainings sein.

Dabei arbeitest du nicht nur daran, einen Muskel passiv in eine längere Position zu bringen, sondern auch daran, Kraft innerhalb deiner Range of Motion aufzubauen.

Für einen Front Split betrifft das beispielsweise nicht nur die Beinrückseite des vorderen Beins. Auch Hüftbeuger, Gesäß, Adduktoren und deine gesamte Becken- und Rumpfkontrolle spielen eine Rolle.

Je besser dein Körper eine Position kontrollieren kann, desto besser kannst du diese Beweglichkeit später auch im Pole Dance einsetzen.

3. Konsistenz

Der wahrscheinlich unspektakulärste – und gleichzeitig wichtigste – Punkt: Du musst regelmäßig trainieren.

Eine intensive Stretching-Session alle paar Wochen wird langfristig wenig verändern.

Genauso bringen dir drei extrem motivierte Wochen wenig, wenn du anschließend zwei Monate gar nichts mehr machst.

Flexibilität entwickelt sich über Zeit.

Deshalb sollte dein Training so aufgebaut sein, dass du es dauerhaft in deinen Alltag integrieren kannst.

Zwei realistisch durchführbare Einheiten jede Woche können langfristig wertvoller sein als ein Plan mit fünf Einheiten, den du nach zwei Wochen wieder aufgibst.

Aktive Flexibilität statt nur passivem Stretching

Gerade wenn dein Ziel nicht nur der Spagat auf dem Boden, sondern auch mehr Beweglichkeit für Pole Dance ist, solltest du aktive Flexibilität nicht vernachlässigen.

Das bedeutet: Du bewegst deine Gelenke aktiv durch eine möglichst große Bewegungsamplitude und lernst, dort Kraft zu erzeugen.

Dazu können beispielsweise kontrollierte Leg Lifts, aktive Holds oder Kraftübungen in verlängerten Muskelpositionen gehören.

Das kann sich anfangs deutlich anstrengender anfühlen als passives Stretching. Und genau das ist der Punkt.

Du möchtest deinem Körper nicht nur zeigen: „Ich kann irgendwie in diese Position kommen.“ Sondern: „Ich bin in dieser Position stark und kann sie kontrollieren.“

Gleichzeitig musst du lernen, loszulassen

Auf der anderen Seite gibt es Menschen, denen nicht unbedingt mehr Kraft fehlt.

Sie sind bereits sehr aktiv, trainieren viel und haben möglicherweise dauerhaft eine hohe Muskelspannung.

Hier kann es genauso wichtig sein, Spannung reduzieren zu lernen.

Wenn du jede Dehnung mit maximaler Körperspannung beantwortest und ständig gegen die Position arbeitest, kann es schwierig sein, deine vorhandene Bewegungsamplitude tatsächlich zu nutzen.

Flexibilitätstraining bedeutet deshalb nicht nur „mehr Kraft“ und auch nicht nur „mehr Entspannung“. Es bedeutet, beides zu lernen:

  • Spannung erzeugen, wenn du sie brauchst.
  • Spannung reduzieren, wenn du sie nicht brauchst.

Genau hier wird individuelles Training besonders wichtig.

Dein Flexibilitätstraining sollte zu deinem Level passen

Wenn dein Spagat noch weit vom Boden entfernt ist, benötigst du nicht dieselben Übungen wie jemand, dem nur noch wenige Zentimeter fehlen.

Deine Übungen sollten zu deiner aktuellen Range passen und sich mit deinen Fortschritten weiterentwickeln.

Das bedeutet progressiven Aufbau.

Du beginnst mit Positionen und Übungen, die du kontrollieren kannst. Mit der Zeit kannst du beispielsweise die Bewegungsamplitude erhöhen, Übungen anspruchsvoller gestalten oder deine aktive Kontrolle in den Endpositionen verbessern.

Genau wie beim Krafttraining solltest du deinem Körper immer wieder einen angemessenen neuen Reiz geben. Nicht maximal. Sondern herausfordernd genug, um eine Anpassung anzustoßen.

Wie häufig sollte ich für meinen Spagat trainieren?

Darauf gibt es keine pauschale Antwort.

Wie häufig Flexibilitätstraining für dich sinnvoll ist, hängt unter anderem davon ab, wie intensiv deine Sessions sind und was du sonst noch trainierst.

Wenn du bereits mehrmals pro Woche Pole Dance und Krafttraining machst, müssen nicht noch fünf intensive Flexibility Sessions dazukommen.

Auch Flexibilitätstraining ist Training und erzeugt Belastung.

Deshalb sollte die entscheidende Frage nicht sein: „Wie oft muss ich stretchen, um möglichst schnell meinen Spagat zu schaffen?“ Sondern: „Welche Trainingsfrequenz kann ich langfristig beibehalten und von welcher kann ich mich ausreichend erholen?“

Dein Flexibilitätstraining muss in deine gesamte Trainingswoche passen.

Mehr Stretching ist nicht automatisch besser

Gerade wenn ein Ziel wie der Spagat zum Greifen nah scheint, entsteht schnell der Gedanke: „Wenn ich jetzt jeden Tag dehne, komme ich bestimmt schneller runter.“

Das muss nicht der Fall sein.

Auch beim Flexibilitätstraining braucht dein Körper Zeit, um sich von intensiven Belastungen zu erholen.

Ständig aggressiv in deine maximale Range zu drücken, kann deshalb kontraproduktiv sein.

Es geht nicht darum, deinen Körper mit Gewalt in eine Position zu bringen. Es geht darum, deine aktuelle Range Schritt für Schritt zu erweitern und gleichzeitig Kontrolle darin aufzubauen.

Fortschritt ist nicht immer linear

Vielleicht fehlen dir heute noch zehn Zentimeter zum Boden. Nächste Woche sind es nur noch acht. Und eine Woche später plötzlich wieder zwölf.

Das bedeutet nicht automatisch, dass du deine Fortschritte verloren hast.

Deine Beweglichkeit kann von vielen Faktoren beeinflusst werden: deinem vorherigen Training, deiner Regeneration, deiner Tagesform, deinem Stresslevel oder einfach davon, wie gut du an diesem Tag aufgewärmt bist.

Deshalb solltest du einzelne Sessions nicht überbewerten.

Betrachte deine Entwicklung über einen längeren Zeitraum.

Flexibilität ist ein Prozess – kein täglicher Leistungstest.

Was brauchst du also wirklich, um deinen Spagat zu lernen?

Kein 30-Tage-Wunderprogramm. Keine magische Übung. Und auch nicht jeden Tag eine Stunde Stretching.

Du brauchst einen Trainingsansatz, der zu deinem Körper, deinem aktuellen Level, deinem restlichen Training und deinem Alltag passt.

Du brauchst Körperwahrnehmung, Kraft und die Fähigkeit, Spannung bewusst zu regulieren.

Vor allem brauchst du aber eines: Konsistenz.

Ein paar gute Flexibility Sessions können dir zeigen, wie sich dein Körper bewegen kann. Wirkliche Veränderungen entstehen jedoch durch die Wochen und Monate, in denen du immer wieder daran arbeitest.

Fazit: Gib deinem Körper Zeit

Auch als Erwachsene kannst du an deiner Flexibilität arbeiten und deinem Spagat Schritt für Schritt näherkommen.

Aber dein Körper ist kein Projekt, das du innerhalb von vier Wochen abschließen musst.

Arbeite aktiv an deiner Range, baue Kraft in deinen Endpositionen auf, lerne gleichzeitig bewusst loszulassen und passe deine Übungen deinem aktuellen Level an.

Und dann: Bleib dran. Nicht für eine Woche. Nicht bis die anfängliche Motivation verschwindet. Sondern so konstant, dass dein Flexibilitätstraining zu einem normalen Bestandteil deiner Trainingsroutine wird.

Denn am Ende ist häufig nicht die Person erfolgreich, die das spektakulärste Stretching-Programm gefunden hat, sondern diejenige, die einen sinnvollen Plan lange genug verfolgt, damit der Körper überhaupt die Chance bekommt, sich anzupassen.

Häufige Fragen

Kann ich Spagat auch im Erwachsenenalter noch lernen?

Ja. Beweglichkeit ist auch im Erwachsenenalter deutlich trainierbar. Wie schnell du Fortschritte machst, ist individuell — es gibt kein Wunderprogramm, aber mit einem passenden Trainingsansatz und Konsistenz kommst du deinem Spagat Schritt für Schritt näher.

Wie oft sollte ich für den Spagat trainieren?

Das hängt von deiner Gesamtbelastung ab. Wenn du bereits mehrmals pro Woche Pole Dance oder Krafttraining machst, reichen oft zwei realistisch durchführbare Flexibility-Einheiten pro Woche — entscheidend ist die Frequenz, die du langfristig durchhalten und von der du dich erholen kannst.

Wie lange dauert es, bis ich im Spagat sitze?

Dafür gibt es keine seriöse Pauschalantwort. Deine Ausgangslage, dein Alltag, dein sonstiges Training und deine Regeneration beeinflussen das Tempo. Wichtiger als die Frage nach Wochen ist ein progressiver Aufbau, den du über Monate konstant verfolgst.

Ist tägliches Dehnen sinnvoll?

Nicht unbedingt. Auch Flexibilitätstraining erzeugt Belastung, von der sich dein Körper erholen muss. Ständig aggressiv in die maximale Range zu drücken, kann kontraproduktiv sein — besser regelmäßig, kontrolliert und mit ausreichend Regeneration.

Aus der Coaching-Praxis

Flexibilitätstraining für Pole Dance

Du möchtest gezielt und sicher an deiner Beweglichkeit arbeiten? Im Coaching bekommst du einen Flexibility-Plan, der zu deinem Level, deinem Training und deinem Alltag passt.

Angie Badlo

Angie Badlo

Trainingstherapeutin, Gesundheitsmanagerin und Pole-Dance-Trainerin im Delia Studio Rosenheim. Mehr über mich

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